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Wenn die Familie mit zum Vorstellungsgespräch kommt

Der Fachkräftemangel ist ein zentrales Thema, mit dem sich Unternehmen aus Wirtschaft und Handwerk mit zunehmender Dringlichkeit beschäftigen. Eine zentrale Aufgabe des Landkreises Waldshut ist seit Monaten die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen. Was liegt näher, als beide zentralen Themen zu verbinden? Flüchtlinge können die Fachkräfte von morgen sein. Doch Barrieren bestehen. Um die Potenziale zu beleuchten, hatte Landrat Dr. Martin Kistler zu einer Info- Veranstaltung mit anschließendem Austausch eingeladen. Veranstaltungsort der jährlich in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsregion Südwest GmbH stattfindenden Veranstaltung war die Justus-von-Liebig-Schule in Waldshut.

Landrat sieht Chancen

Landrat Kistler machte klar, dass es sich um eine vielschichtige Herausforderung handelt, der sich das Landratsamt seit 2015 ganz besonders widmet. Doch allzu hoch dürften die Erwartungen nicht sein, warnte er: „Wir können nicht nur mit den Flüchtlingen den Fachkräftemangel beheben.“ Gleichzeitig betonte Dr. Kistler den Stellenwert der Integration der Geflüchteten in die Gesellschaft. Am ehesten könne diese über die Arbeit erfolgen - und bat die teilnehmenden Unternehmer dabei um Unterstützung. Der Frage, ob die Flüchtlinge die Fachkräfte von morgen sein könnten, gingen verschiedene Referenten in kurzen Impulsvorträgen nach.

Sozialpädagoge beleuchtet Arbeitskultur

Der interkulturelle Trainer und Sozialpädagoge Reza Begas zeigte mit seinem launigen und zugleich informativen Vortrag über die Arbeitskultur von Menschen aus dem arabischen Raum auf: „Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, verfügen nicht über ,Vitamin B‘, das heißt vorteilhafte, berufliche Beziehungen.“ Vielmehr diene die ganze Familie als Referenz. „Und so kann es auch schon mal sein, dass ein Teil der Familie mit zum Vorstellungsgespräch kommt.“ In Konfliktsituationen riet er den Arbeitgebern daher, zu einem klärenden Gespräch durchaus den Onkel, Vater und die Mutter des Arbeitnehmers einzuladen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo eine Schuldkultur herrsche, seien arabische Länder geprägt durch eine Schamkultur. Das bedeute, dass die Großfamilie sich bei Fehlern eines Familienmitglieds verantwortlich fühle. Einfluss habe diese Kultur auch auf die Arbeit: Arabische Mitarbeiter empfinden das Nachfragen bei Unklarheiten als Schande und gehen diesen aus dem Weg, schilderte der interkulturelle Trainer. Zudem werde nicht ergebnisorientiert gearbeitet, sondern die Zufriedenheit des Chefs stehe im Vordergrund. Der Rat des Experten: „Erklären Sie Ihren arabischen Mitarbeitern genau, was sie machen sollen - auch mehrfach.“ Ein weiter Knackpunkt: die Pünktlichkeit. Zwischenmenschliche Beziehungen genießen einen höheren Stellenwert als der Blick auf die Uhr. Es dauere sehr lange, bis die Flüchtlinge anders ticken. Begas schätzt, dass die Flüchtlinge und deren Nachkommen frühestens im Jahr 2040 integriert sein werden.

Zahl der Flüchtlinge sinkt

Aktuell befinden sich 1570 Menschen in den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises Waldshut. Tendenz sinkend, zeigte Sabine Schimkat, Sozialdezernentin im Landratsamt, auf. Es gibt sogar einige freie Plätze. Die Strategie des Landkreises, die Flüchtlinge dezentral in den Gemeinden unterzubringen, habe sich vor allem auch dank der unermüdlichen Arbeit der vielen Ehrenamtlichen und der Unterstützung durch die Gemeinden als richtig erwiesen.

Flüchtlinge finden einen Job

Positive Nachrichten übermittelte Schimkat auch hinsichtlich der Aufnahme von Beschäftigungen. 205 Menschen aus den Gemeinschaftsunterkünften haben bereits Arbeit gefunden. Ähnlich positive Erfahrungen hat der Geschäftsführer der kreiseigenen GWA gGmbH, Hugo Waidelich, in den vergangenen Monaten gemacht. Bei dem Projekt „MiKA“ („Migranten integrieren in Kultur und Arbeit“) geht es um die Vermittlung von Flüchtlingen in die Arbeit. Nachdem ein Profil der möglichen Arbeitnehmer erstellt wird, durchlaufen diese einen intensiven Integrationskurs, der anschließend in eine Arbeitserprobung mündet. Das Ergebnis der Integrationskurse im Jahr 2016 wird voraussichtlich die Vermittlung von 39 Migranten in ein Arbeitsverhältnis sein.

Unternehmer heuert künftige Fachkräfte an

Von „MiKA“ profitiert hat bereits das Unternehmen STOBAG Alufinish GmbH mit Sitz in Wutöschingen. Geschäftsführer Wilfried Rapp berichtete von insgesamt sieben Flüchtlingen, denen er als Praktikanten eine Chance bot. Der Prozess ist dabei nicht immer reibungslos gewesen, redete Rapp Klartext. Größtes Problem für STOBAG sei der administrative Aufwand. Auch würden befristete Arbeitsverträge aktuell für sein Unternehmen noch nicht infrage kommen. Eine Möglichkeit sind aber Leiharbeitsverhältnisse, die sich an ein Praktikantenverhältnis anschließen können, ergänzte die Vertreterin der Agentur für Arbeit, Sonja Schlosser. Sie war sich mit Rapp einig, dass man das Potenzial der Flüchtlinge nicht ungenutzt lassen sollte. Die Berufsberaterin will Flüchtlinge in ein Ausbildungverhältnis bringen. Ein Instrument dabei ist die sechsmonatige bis einjährige Einstiegsqualifizierung.

Wirtschaftsgespräche dienen als Diskussionsplattform

Im Anschluss an die Kurzvorträge konnten die Teilnehmer während der von Alexander Maas, Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Südwest GmbH, geführten Diskussionsrunde Fragen stellen. Möglichkeit zu bilateralen Gesprächen bot sich dann beim abschließenden Apéro.

Tags: Flüchtling, Arbeitswelt

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