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Uni Hohenheim startet Projekt „Sei dabei, RAUCHFREI!“ an Berliner Tafel

Rauchen und die Kosten

Mehr Geld fürs Essen:

Wer wenig Geld zur Verfügung hat, muss sich jeden Einkauf gut überlegen. Wenn dann auch noch ein Teil des Budgets für Zigaretten abgeht, kann es spätestens am Monatsende schwierig werden, ausreichend Geld für gesunde Lebensmittel zur Verfügung zu haben. Doch etablierte Programme zur Rauchentwöhnung suchen einkommensschwache Menschen nur selten auf, sagt Prof. Dr. Nanette Ströbele-Benschop. Die Ernährungspsychologin an der Universität Hohenheim in Stuttgart will nun ein Rauchentwöhnungsprogramm an die Bedürfnisse von Tafelkundinnen und -kunden anpassen.

Rauchen zählt zu den größten Risiken für vorzeitige Todesfälle und schwere Erkrankungen. In Deutschland sterben jährlich rund 120.000 Menschen an Erkrankungen, die mit dem Tabakrauchen assoziiert sind. Neben individuellen Belastungen durch das Tabakrauchen fallen jährlich insgesamt 79 Mrd. Euro soziale Kosten an, die überwiegend über die gesetzlichen Sozialversicherungen gTetragen werden.

Ob jemand raucht oder nicht, hängt unter anderem von seinem Einkommen ab. Unter Menschen mit niedrigem sozialem Status gibt es besonders viele Tabakkonsumenten. „Das ist gleich ein doppeltes gesundheitliches Problem“, stellt Prof. Dr. Nanette Ströbele-Benschop von der Universität Hohenheim fest, „denn bei Menschen mit niedrigem Einkommen konkurrieren das Bedürfnis nach Zigaretten und das nach ausreichend Lebensmittel um die geringen finanziellen Mittel.“

Die Folge sei oft Ernährungsunsicherheit. „Das heißt, dass sich Menschen zum Beispiel am Ende des Monats sorgen, nicht mehr genug Geld für Lebensmittel zu haben“, erklärt die Expertin. „Oft wird die Vielfalt und Qualität der Lebensmittel zugunsten günstiger, sättigender Gerichte eingeschränkt und es gibt in der letzten Woche des Monats beispielsweise nur noch Spaghetti mit Tomatensauce.“

Rauchfrei-Programm muss spezielle Bedürfnisse berücksichtigen

In Deutschland gibt es rund 1,3 Mio. einkommensschwache Menschen, die regelmäßig in über 940 Tafeln Lebensmittel erhalten. Das Team um Prof. Dr. Ströbele-Benschop hat in mehreren Städten deren Ernährungssicherheit untersucht. In Berlin, so das Ergebnis, sind rund 72 Prozent der untersuchten Tafelkundinnen und -kunden ernährungsunsicher. Auch der Anteil der Raucherinnen und Rauchern ist unter den Tafelkunden in Berlin mit rund 49 bis 60 Prozent besonders hoch. Er liegt weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt der Gesamtbevölkerung – laut aktuellen Zahlen des Sozioökonomischen Panels greifen rund 27 Prozent der Menschen über 16 Jahren zu Zigaretten und Co.

Das Problem: Rauchentwöhnungsprogramme, die sich in anderen Teilen der Bevölkerung bereits bewährt haben, werden von einkommensschwachen Personen nur selten aufgesucht. „Wir wollen deshalb eines dieser Programme, das etablierte ‚Rauchfrei Programm‘ der IFT-Gesundheitsförderung in München, an die speziellen Bedürfnisse der Tafelkunden anpassen und testen.“

Dabei wird ein besonderer Schwerpunkt darauf gelegt, Strategien zur Verbesserung des Wohlbefindens und der eigenen Lebensqualität zu entwickeln. Diese können aufgrund der kritischen Einkommenssituation und den damit verbundenen Belastungen und Sorgen eingeschränkt sein. Zudem soll das Programm die Motivation stärken, das Rauchen aufzugeben, und das Aufhören strategisch vorbereiten. Eine therapeutische Begleitung unterstützt das Aufhören. Außerdem wird das Programm Ressourcen stärken, die dazu beitragen können, dass der Griff zur Zigarette auch dauerhaft unterbleibt.

Berliner Tafel kooperiert mit Forschungsteam

Für das Projekt kooperieren die Forscherinnen mit den „LAIB und SEELE“-Ausgabestellen der Berliner Tafel. Um die Hürden für eine Teilnahme so gering wie möglich zu halten, soll das Programm im Anschluss an die wöchentliche Ausgabe der Lebensmittel durchgeführt werden.

Im angepassten Gruppenprogramm erfasst das Forschungsteam anhand von Fragebögen, wie es um den Tabakkonsum und die Ernährungssicherheit der Teilnehmenden bestellt ist. Ängste und Unsicherheiten bezüglich der Ernährung werden abgefragt, und ob die knappen finanziellen Mittel den Zugang zu Lebensmitteln einschränken. Es geht um den Rauchstatus, den Gesundheitszustand und die Lebensqualität der Teilnehmenden. Diese Abfrage wird nach einem halben Jahr wiederholt.

Um die Aussagen über den Tabakkonsum zu verifizieren, führt das Forschungsteam außerdem einen Kohlenmonoxid-Atemtest durch. Dieser Test sagt aus, wie stark jemand raucht. Teilnehmenden werden außerdem Nikotinersatzprodukte in Form von Pflaster, Spray oder Kaugummi angeboten. Zusammen mit den Teilnehmenden sollen die „LAIB und SEELE“-Ausgabestellen nichtraucher-freundlich gestaltet werden, damit das Nichtrauchen leichter fällt.

Gruppenprogramm soll zwei Krankheitsrisiken senken

„Wir gehen davon aus, dass sich bei einkommensschwachen Menschen auch die Ernährungssicherheit verbessert, wenn sich die finanzielle Situation über eine Rauchentwöhnung entspannt“, erklärt Prof. Dr. Ströbele-Benschop.

„Die Tafelkundinnen und -kunden könnten daher in doppelter Hinsicht profitieren, wenn sie das Rauchen aufgeben und gleich zwei Krankheitsrisiken senken“, so die Expertin. Wenn sich das Programm bewährt, soll es künftig auch anderen Tafeln zugutekommen.

Tags: Gesundheit

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