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Annett Louisan singt gegen den Extremismus – und erlebt Gegenwind aus dem eigenen Publikum
Annett Louisan bei Music made in Germany im Hautnah Interview ©Audiotainment Südwest
  • 09. Oktober 2026

Annett Louisan singt gegen den Extremismus – und erlebt Gegenwind aus dem eigenen Publikum

Von Michael Weiland | Audiotainment Südwest GmbH & Co. KG

Hamburg/Mannheim – Annett Louisan ist zu Gast bei „Music Made in Germany mit Miriam Audrey Hannah“. Anlass ist eine doppelte Premiere: Mit „Sehnsucht“ hat sie ihr erstes Album auf ihrem neu gegründeten eigenen Label „Atelier Louisan“ veröffentlicht. Nach mehr als 20 Jahren im Musikgeschäft geht die Sängerin damit erstmals auch auf diesem Weg in die künstlerische Unabhängigkeit.
Annett Louisan und Miriam Audrey Hannah kennen und schätzen sich seit vielen Jahren, aus den ersten Interviews ist längst eine persönliche Freundschaft entstanden. Für „Music Made in Germany“ haben sie sich erneut zu einem ausführlichen Gespräch getroffen – über die neue Freiheit als Künstlerin, aber auch über Dinge, die Annett Louisan gerade sehr beschäftigen und ihr nahegehen.
Besonders bewegen sie derzeit die Reaktionen auf ihren Song „Lied von der Freiheit“. Die in Sachsen-Anhalt geborene Sängerin verarbeitet darin ihre eigene Geschichte, Erfahrungen rund um die Wiedervereinigung und gesellschaftliche Entwicklungen, die sie seit vielen Jahren beschäftigen.

„Herablassende Bevormundenden habe ich als weibliche Künstlerin immer mal wieder erlebt. Wir leben ja schließlich in einer vom
Patriarchat geprägten Gesellschaft und Künstlerinnen spricht man gern politische Kompetenz ab, immer dann, wenn einem die Meinung nicht gefällt.“

„Gegen die Kräfte ansingen, die unsere Demokratie und unsere Freiheit gefährden“

Für Annett Louisan geht es dabei um mehr als den Rechtsruck, den sie bereits in ihrer eigenen Vergangenheit und innerhalb ihrer Familie schmerzlich erlebt hat. Ihre Haltung richtet sich gegen alle extremistischen Kräfte, die aus ihrer Sicht spalten und Demokratie und Freiheit gefährden – gegen Rechtsextremismus ebenso wie gegen Islamismus, Antisemitismus und Linksextremismus. Auch wenn sie diese Haltung Stimmen aus ihrem eigenen Publikum kostet, will sie mit ihrer Kunst gegen die Kräfte ansingen, die unsere Demokratie und unsere Freiheit gefährden.

„Ich habe immer ein Thema mit dem Rechtsruck gehabt“ Über die Entstehung von „Lied von der Freiheit“ sagt die Sängerin:
„Das Freiheitslied ist für mich auch ein Thema, was schon ganz lange in mir wartet und mich beschäftigt. Ich komme aus Sachsen-Anhalt, ich bin dort geboren. Ich habe ein Thema mit dem ersten Rechtsruck gehabt innerhalb meiner Familie, innerhalb meiner Peer Group. Ich bin dann mit meiner Mama nach Hamburg gezogen und mich hat das nie ganz losgelassen und ich wollte mehr über die Gründe erfahren.“
Auch ihre eigene Geschichte rund um die Wiedervereinigung fließt in das Lied ein:
„Ich habe meine eigene Geschichte zur Wiedervereinigung, aber andere Menschen haben eine andere Geschichte. Und ich wollte vieles von meinen Gefühlen in dieses Lied packen und das Lied kann besser das erzählen, als ich es je könnte.“
Die gesellschaftliche Stimmung empfindet Louisan derzeit als zunehmend schwierig:
„Also ich finde es gerade eine wahnsinnig raue und schwierige Zeit. Es gibt meiner Meinung nach auch so viele Wörter, die gerade so ganz viele Leute triggern. Schon allein das Wort Demokratie, habe ich das gesehen. Wenn man das ausspricht, dann ist es gleich bei vielen Menschen schon rote Lampe an.“
Dabei gehe es ihr nicht darum, Menschen zu belehren:
„Ich bin zum Beispiel nie ein Typ gewesen, der in irgendeiner Form Bock hat, Leute zu belehren. Das liegt mir vollkommen fern. Ich bin Geschichtenerzählerin. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen. Das ist lediglich das, was ich mache.“

„Allein durch die Streaming-Erlöse könnte man so ein Album nicht hochwertig produzieren“
Deutlich wird Louisan auch beim Blick auf die wirtschaftliche Situation von Musikerinnen und Musikern. Streaming gehöre selbstverständlich zur heutigen Musikwelt und auch sie selbst nutze die Angebote. Die derzeitigen Strukturen sieht sie dennoch kritisch:
„Allein durch die Streaming-Erlöse könnte man so ein Album nicht hochwertig produzieren. Ich meine, da gehört Handwerkskunst dazu. Vom Artwork, vom Grafiker bis hin zu den Studiomusikern. Und ich glaube, dass es vielen Leuten gar nicht klar ist, was da dazugehört und wie die Dinge im Hintergrund laufen.“
Sie fordert Veränderungen bei der Vergütung:
„Ich finde Streaming auch toll. Ich streame selbst auch. Aber da gibt es momentan immer noch so Abrechnungsprobleme. Man könnte das ändern und da muss sich auch was ändern, damit das einfach fair bleibt.“
Besonders kritisch sieht Louisan eine Musikwelt, in der Klickzahlen und Algorithmen zunehmend darüber entscheiden, was erfolgreich ist:
„Das sind Strukturen, die nicht fair sind und darunter leiden am allermeisten Künstler, die nicht dem Algorithmus folgen, sondern die Nischenmusik, die wahnsinnig wichtig ist.“

Und weiter:
„Das folgt so Mechanismen, die Musik so gleichschalten. Und das ist nicht gut. Wir wollen doch irgendwie unterschiedliche Musik haben.“
„Heute muss man eher Content Creatorin sein als Künstlerin“
Auch auf die Situation junger Musikerinnen und Musiker blickt Louisan mit Sorge. Die Anforderungen an Künstler hätten sich grundlegend verändert:
„Was mir aber auffällt, ist, dass man heute eher Content Creatorin sein muss als Künstlerin. Also, dass man irgendwie alles so ein bisschen machen muss. Und das finde ich schwierig, weil wenn man in einer Sache ganz toll ist, das reicht doch.“
Der Druck, neben der eigentlichen Musik permanent Content produzieren zu müssen, könne für Künstlerinnen und Künstler zur Belastung werden:
„Da wird es dann irgendwann mittelmäßig und auch gefährlich, dass man auch Musiker zwingt, irgendwie auf eine Bühne, wo sie nicht hingehören oder Dinge machen zu müssen, wo sie sich nicht wohlfühlen.“
Besonders bei jungen Künstlerinnen und Künstlern beobachtet Louisan die Folgen:
„Und das bemerke ich doch oft, dass ich bei jüngeren Künstlern oft so ein Burnout spüre, weil sie denken: Ich bin die ganze Zeit am Ackern mit Social Media. Und das sind sensible Seelen.“

„Die Bühne hat mich unabhängig gemacht, frei“

Louisan selbst bezeichnet sich im Gespräch als Live-Künstlerin. Nach mehr als zwei Jahrzehnten und nach eigenen Angaben über tausend Konzerten ist die Bühne für sie nicht nur der Mittelpunkt ihrer Arbeit, sondern auch ein Ort künstlerischer Unabhängigkeit:
„Auf der Bühne habe ich am meisten gelernt, die Bühne hat mich unabhängig gemacht, frei. Und Freiheit ist als Künstlerin das Allerwichtigste.“
Diese Unabhängigkeit beschreibt sie sehr konkret:
„Freiheit von Spotify, von irgendwelchen großen Labels. Da bin ich, da sind die Leute, da ist nichts dazwischen. Da habe ich sie. Das ist meins.“
Auch nach mehr als 20 Jahren gehört Lampenfieber für Louisan weiterhin dazu:
„Ich glaube, das Lampenfieber macht es auch, macht die Konzentration, macht, dass ich das niemals auf die leichte Schulter nehme und dass ich wirklich da bin.“
„Ich entscheide mich dafür, dass ich das Licht suche“
Auf ihrem neuen Album „Sehnsucht“ beschäftigt sich Louisan neben gesellschaftlichen Fragen auch mit dem Älterwerden. Über den Song „Herz mit Gebrauchsspuren“ sagt sie:
„Ich finde, darum geht es im Leben, auch beim Älterwerden. Entscheidest du dich, bitter zu werden und entscheidet man sich, das Pech, das man hatte, zu benutzen, zu sagen, es läuft ja eh alles schief oder kann man sich sagen, aber vielleicht hat mich dieses Pech genau davor gerettet, dass noch was Schlimmeres passiert.“
Für sich selbst hat Louisan darauf eine klare Antwort gefunden:
„Ich entscheide mich dafür, dass ich ein Glückskind bin. Ich entscheide mich dafür, dass ich das Licht suche. Ich habe meinen Wertekompass dabei. Je älter ich werde, desto wichtiger wird er mir, auch bei Menschen.“
Auch ihre eigenen Bedürfnisse hätten sich mit den Jahren verändert:
„Je älter ich werde, ich brauche mehr Ruhe, Frieden, Natur, weniger Zirkus.“

Annett Louisan über ihr neues Album „Sehnsucht:“

Die Songs des neuen Albums sind in unterschiedlichen Schreibphasen entstanden. Für Louisan spiegeln ihre Alben dabei immer auch bestimmte Abschnitte ihres eigenen Lebens wider:
„Ich kann mein Leben auf jeden Fall auch in Alben rechnen, so ein bisschen. Das bleibt gar nicht aus, dass es diese Phasen sind, die mich und meine Lieder natürlich auch beeinflussen.“
Dabei reizt sie besonders, in ihren Songs auch schwierige und schambehaftete Themen aufzugreifen: „Ich habe auch das Gefühl, dass ich ein wahnsinniges Glück habe, dass ich die Liedform nehmen kann, die ja so eine geschützte Form ist, die so einen Schutzraum bietet, um auch über Tabuthemen singen zu können, über schambehaftete Themen. Sowas reizt mich unheimlich.“ Humor sei dabei ein wichtiger Bestandteil ihres Schreibens: „Ernste Themen zu besingen ist viel leichter, wenn man das humorvoll tut, weil alles andere, habe ich das Gefühl, wird auch gar nicht so angenommen. Also das Augenzwinkern ist unheimlich wichtig dabei, habe ich in all den Jahren schon auch gelernt.“ Das Schreiben selbst sei allerdings alles andere als leicht: „Das Texten ist harte Arbeit, Disziplin. Also komponieren ist irgendwie sozusagen die Kür und einfach wunderschön, es kommt so locker, aber das Texten, das dauert manchmal sehr, sehr lange.“

Annett Louisan geht mit „Sehnsucht“ auf Tour:

Seit ihrem Durchbruch mit „Das Spiel“ und ihrem Debütalbum „Bohème“ im Jahr 2004 gehört Annett Louisan zu den konstant erfolgreichen Live-Künstlerinnen Deutschlands. Die Bühne bezeichnet sie selbst als den Ort, der sie als Künstlerin unabhängig und frei gemacht habe.
Für die neue Tour hat sich Louisan vor allem eines vorgenommen:
„Ich möchte, glaube ich, auf dieser Tour den Leuten noch näher sein. Ich möchte noch mehr ins Gespräch gehen und habe so kleine Ideen, wie ich das vielleicht erreichen kann.“
Und auch nach mehr als 20 Jahren auf der Bühne und nach eigenen Angaben über tausend Konzerten ist für sie jeder Abend persönlich:
„Ich möchte schon, dass die Leute was fühlen, ganz viel fühlen und am liebsten bei sich sind und ihren Geschichten und ihren Lieben und ich begleite sie sozusagen.“
Ab dem 14. Oktober geht Annett Louisan mit ihrem neuen Album auf „Sehnsucht“-Tour. Weitere Stationen sind unter anderem Berlin, Rostock, Flensburg, Cottbus, Halle, Erfurt, Osnabrück, Frankfurt, Stuttgart und Hamburg sowie Konzerte in der Schweiz und Österreich.

„Music Made in Germany mit Miriam Audrey Hannah“ bringt Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland zum ausführlichen persönlichen Gespräch zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Musik, die Geschichten hinter den Songs und die Themen, die die Künstlerinnen und Künstler aktuell bewegen.

Das komplette Interview mit Annett Louisan gibt auf musicmadeingermany.de und überall dort, wo es Podcasts gibt. Im Radio läuft Music Made in Germany auf RADIO REGENBOGEN sonntags von 16.00 Uhr bis 19.oo Uhr und auf RPR1. sonntags von 16.00 Uhr bis 19.oo Uhr und montags von 20.00 Uhr – 22.00 Uhr.

RADIO REGENBOGEN und RPR1. sind Marken der Audiotainment Südwest.


Ressort: Glaube und Gesellschaft

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