
- 21. September 2026
Lynda Benglis im Kunstmuseum Basel | Neubau
Kuratorin: Elena Filipovic mit Len Schaller
Das Kunstmuseum Basel zeigt die erste umfassende Retrospektive der US- amerikanischen Künstlerin Lynda Benglis (* 1941 in Lake Charles, Louisiana, USA) in der Schweiz. Die Ausstellung präsentiert mehr als sechzig ihrer Werke von den späten 1960er Jahren bis in die Gegenwart. Sie verdeutlichen das mutige Experimentieren und die Kreativität im Umgang mit Material, die Benglis zu einer der einflussreichsten – und lange Zeit unterschätzten – Künstler:innen der letzten fünfzig Jahre gemacht haben. Ausgehend von der Sprache der Malerei erweiterte Benglis diese in den skulpturalen Raum. Derselbe expansive Ansatz prägte ihr Schaffen in den Bereichen Fotografie, Skulptur und Video ebenso wie ihre Verwendung verschiedener Materialien wie Glitzer, Keramik, Latex, Metall, Papier, Polyurethanschaum und Wachs. Von Anfang an unterschieden sich ihre ausufernden, eigenwilligen und körperhaften Formen von fast allem, was sonst geschaffen wurde. Sie standen in bewusster Abgrenzung zur geometrischen Strenge und industriellen Kühle des Minimalismus (Minimal Art), der zu Beginn ihres künstlerischen Schaffens in den 1960er Jahren in der westlichen Kunstwelt vorherrschte.
Am Newcomb College in New Orleans wurde Benglis in Keramik und Malerei ausgebildet. Dort wurde auch ihr Interesse am abstrakten Expressionismus geweckt. Die Werke von Franz Kline (1910–1962) und Helen Frankenthaler (1928–2011) prägten sie besonders. Frankenthalers bahnbrechende Experimente mit Farbe wurden gar zum Vorbild für einige von Benglis’ frühen Werken, am deutlichsten in Odalisque (Hey, Hey Frankenthaler) aus dem Jahr 1969. Benglis transformierte jedes Medium, in dem sie arbeitete, und entwickelte so eine ganz eigene Formensprache – und vor allem eine ganz eigene Materialität. Mitte der 1960er Jahre begann sie, mit Wachs zu arbeiten. Sie trug Bienenwachs, gemischt mit Farbpigmenten und Dammarharz, in dünnen Schichten auf Hartfaserplatten auf. In einer kleinen Serie aus den späten 1960er Jahren begann sie zudem, eine Lötlampe wie einen Pinsel zu verwenden und Hitze als kreatives Instrument einzusetzen: Das Wachs verflüssigte sich und verschmolz zu marmorierten Oberflächen. Dadurch wurde der Entstehungsprozess selbst zum Bildmotiv.
Grössere Bekanntheit erlangte Benglis ab Ende der 1960er Jahre mit ihren «pours» (dt. Schüttungen). Hierfür mischte sie Latex mit Tagesleucht-Pigmenten und goss die Masse direkt auf den Boden. Durch den Verzicht auf Leinwand, Keilrahmen und Pinsel definierte sie radikal neu, was ein Gemälde sein kann. Etwa zur gleichen Zeit begann sie, zähflüssigen, pigmentierten Polyurethanschaum auf den Boden, in Raumecken oder über Maschendraht zu giessen. So entstand eine Reihe von auskragenden Installationen, deren monumentale Elemente sich direkt aus der Wand heraus zu ergiessen scheinen. Dazu gehört auch ihr mittlerweile ikonisches, im Dunkeln leuchtendes Werk Phantom (1971) – die einzige Installation dieser Werkreihe, die bis heute erhalten geblieben ist. In Basel wird sie erstmals öffentlich in Europa zu sehen sein.
Auf die frühen Arbeiten aus Polyurethanschaum folgten Benglis’ geknotete Skulpturen. Sie schuf diese Werke ab 1972 aus Drahtgeflecht, Baumwollstoff und Gips und veredelte sie mit Glitzer oder besprühte sie mit Metall. Ihre schimmernden Oberflächen bekennen sich offen zu Verzierung und einer zur Schau gestellten Fülle, die im Widerspruch zur Ästhetik der damals gefeierten Kunst stand. Fotografie, die Arbeit mit den Medien und Video wurden ebenfalls zu einem wesentlichen Bestandteil von Benglis’ früher Praxis. Diese Werke verbinden performative Handlungen mit technologischen Experimenten und untersuchen Fragen von körperlicher Präsenz, Sexualität und Geschlecht. Diese Auseinandersetzung fand ihre Fortsetzung in einem viel diskutierten Kunstwerk, das 1974 als Anzeige in der Kunstzeitschrift Artforum erschien. Provokativ übernahm Benglis hier die Kontrolle über ihr eigenes Bild und stellte damit vorherrschende Annahmen über Autorschaft, Sexualität, Geschlecht und künstlerische Identität in einer von Männern dominierten Kunstwelt in Frage.
Benglis’ unermüdliches Experimentieren dauert bis heute an. Zu beobachten ist dies in den Keramiken der letzten Jahre oder in eindrucksvollen, monumentalen Skulpturen wie Power Tower (2019). Den Antrieb für ihr Schaffen bildet seit über sechs Jahrzehnten die kompromisslose Erkundung der Schnittstellen zwischen Material, Körperlichkeit und physischer Wahrnehmung. Ihr Werk steht in Resonanz mit Diskursen zu Feminismus und Ökologie und inspirierte zahlreiche Künstler:innen. Wie relevant und prägend Benglis’ Œuvre auch über die bildende Kunst hinaus ist, zeigt sich an der jüngsten Haute-Couture-Kollektion von Dior, für die sich Creative Director Jonathan Anderson direkt auf einzelne ihrer Werke bezieht.
Tate Publishing wird einen Katalog herausgeben, der neu in Auftrag gegebene Essays von Jordan Carter, Elena Filipovic, David Getsy, Susan Richmond, Len Schaller und Catherine Wood sowie eine umfangreiche Chronologie und zahlreiche Abbildungen vereint.
Die Ausstellung Lynda Benglis wurde vom Kunstmuseum Basel initiiert und in Kooperation mit der Tate Modern, London, und dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark, realisiert.






