
- 10. September 2026
Demokratie-Monitor 2026: Großteil der Bevölkerung will bei Politik mitreden
Demokratie-Monitor Teil 2 der Uni Hohenheim: Mehrheit der Deutschen nicht demokratiemüde
Dialogische Beteiligung stärkt Demokratie
Knapp zwei Drittel der Menschen in Deutschland bevorzugen eine repräsentative Demokratie, in der Politiker:innen vor wichtigen Entscheidungen einen ernsthaften Dialog mit der Bevölkerung suchen. Etwa 30 Prozent der Deutschen favorisieren hingegen direkt-demokratische Verfahren, bei der die Bürger:innen selbst über wichtige politische Fragen entscheiden. Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach Direkter Demokratie bei Personen, die mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind − und bei Anhänger:innen der AfD. Dies zeigt der diesjährige Demokratie-Monitor der Universität Hohenheim in Stuttgart. Der Kommunikations- und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider analysierte dafür in einer repräsentativen Umfrage Rechtspopulismus, Verschwörungserzählungen, Demokratiezufriedenheit und Vertrauen in politische Institutionen. Im Auftrag der Forschenden befragte forsa im August 2026 insgesamt 4.059 Bundesbürger:innen ab 16 Jahren. Teil 2 erscheint zum Internationalen Tag der Demokratie am 15. September 2026.
Mit dem Begriff „Demokratie“ verbinden Menschen unterschiedliche Verfahren: In einer repräsentativen Demokratie treffen im Deutschen Bundestag, in den Landtagen oder in den Gemeinderäten gewählte Repräsentant:innen verbindliche Entscheidungen für die Gesellschaft. In einer direkten Demokratie hingegen entscheidet die Bevölkerung selbst – beispielsweise durch Bürger- oder Volksentscheide.
Mehrheit bevorzugt repräsentative Demokratie mit Dialog-Elementen
Die Ergebnisse des Demokratie-Monitors zeigen: Knapp zwei Drittel der Befragten in Deutschland wünschen sich eine Demokratie, in der zwar grundsätzlich die gewählten Repräsentant:innen die politischen Entscheidungen treffen. Zuvor sollten sie aber die Bürger:innen anhören und deren Empfehlungen in ihre Überlegungen einbeziehen. Dieser Wunsch ist seit 2021 sehr stabil.
Nur fünf bis 14 Prozent bevorzugen eine repräsentative Demokratie ohne vorherigen Dialog. Zwischen 14 und 16 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, wichtige politische Entscheidungen direkt von der Bevölkerung treffen zu lassen. Weitere 13 bis 17 Prozent favorisieren eine direkt-demokratische Variante, die aber um einen vorangehenden Dialog ergänzt werden sollte.
„Die Bürgerinnen und Bürger wollen gar nicht unbedingt selbst entscheiden. Sie wollen aber transparent und verlässlich informiert werden und mitreden können“, fasst Prof. Dr. Brettschneider die Ergebnisse zusammen. Das gelte gleichermaßen für die Bundes-, Landes- und kommunale Ebene.
Dabei zeigt sich über die Parteigrenzen hinweg ein bemerkenswert einheitliches Bild: Anhänger nahezu aller Parteien bevorzugen auf allen drei politischen Ebenen eine repräsentative Demokratie mit Dialog-Elementen. Das gilt auch für Menschen, die keiner Partei nahestehen. Eine Ausnahme bilden die Anhänger der AfD: Mehr als 60 Prozent von ihnen bevorzugen die direkt-demokratischen Varianten.
Zudem gilt: „Je unzufriedener Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene sind, desto eher sprechen sie sich für die direkte Demokratie aus“, stellt Prof. Dr. Brettschneider fest.
Dialogische Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene besonders gefragt
Bei der Befragung wurde die dialogische Beteiligung folgendermaßen erläutert: „Unter dialogischer Beteiligung versteht man, dass der Bund, das Land oder die Stadt bzw. Gemeinde ihren Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gibt, sich bei Veranstaltungen oder im Internet an der Planung von Vorhaben und Projekten zu beteiligen.“ Diese Erläuterung wurde noch um Beispiele ergänzt.
Prof. Dr. Frank Brettschneider stellt fest: „Die meisten Menschen in Deutschland halten dialogische Beteiligungsmöglichkeiten für sehr wichtig.“ Am höchsten ist die Zustimmung auf kommunaler Ebene: 87 Prozent bewerten dialogische Beteiligung dort als wichtig. Auf Landesebene sind es 74 Prozent, auf Bundesebene 67 Prozent.
Bei der Zufriedenheit mit den bestehenden Beteiligungsmöglichkeiten zeigen sich dagegen deutliche Unterschiede zwischen den politischen Ebenen: Mit den Beteiligungsmöglichkeiten auf Bundesebene sind nur zehn Prozent zufrieden, 56 Prozent sind unzufrieden und 34 Prozent antworten mit „teils/teils“. Auf Landesebene sind 15 Prozent zufrieden und 44 Prozent unzufrieden. Auf kommunaler Ebene fällt die Bilanz deutlich positiver aus: 38 Prozent sind mit den Beteiligungsmöglichkeiten zufrieden, 25 Prozent unzufrieden.
Allerdings merkt Prof. Dr. Frank Brettschneider an: „Auch wenn die Mehrheit der Menschen dialogische Beteiligung wichtig findet, so würden doch nicht alle aktiv an entsprechenden Formaten teilnehmen. 20 Prozent haben daran kein Interesse. Weitere 40 Prozent wollen sich selbst nicht konkret einbringen, aber über den weiteren Verlauf informiert werden. Die übrigen 40 Prozent sind bereit, sich aktiv an dialogischen Beteiligungsverfahren zu beteiligen.“
„Von Demokratie-Müdigkeit kann also keine Rede sein“, betont Prof. Brettschneider. „Die Ergebnisse der Partizipationsforschung sind eindeutig: Damit sich Menschen an Politik beteiligen, müssen drei Voraussetzungen gegeben sein. Sie müssen wollen, sie müssen können und sie müssen gefragt werden.“
39 Prozent haben in den letzten zehn Jahren an Beteiligungsverfahren teilgenommen
Tatsächlich geben 39 Prozent der Befragten an, in den letzten zehn Jahren mindestens einmal an einem Beteiligungsformat teilgenommen zu haben. Die meisten dieser Verfahren fanden auf kommunaler Ebene statt. Die Zufriedenheit mit dem Ablauf der Verfahren ist größer als mit deren inhaltlichen Ergebnissen: 42 Prozent der Befragten sind mit dem Verfahren zufrieden, 22 Prozent unzufrieden. Mit dem Ergebnis der Beteiligung sind 34 Prozent zufrieden und 32 Prozent unzufrieden.
Dabei besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Bewertung von Beteiligungsverfahren und dem Vertrauen in kommunale Institutionen: Wer mit dem Ablauf und dem Ergebnis eines Verfahrens zufrieden ist, vertraut auch den kommunalen Institutionen stärker und bewertet das Funktionieren der kommunalen Demokratie positiver. Umgekehrt misstrauen diejenigen, die mit dem Verfahren und mit dem Ergebnis unzufrieden sind, auch den kommunalen Institutionen und sind am unzufriedensten mit dem Funktionieren der kommunalen Demokratie.
„Gelungene Dialogverfahren steigern das Vertrauen in die beteiligten politischen Institutionen. Sie stärken die repräsentative Demokratie“, stellt Prof. Brettschneider fest. „Einmal mehr zeigt sich: Die kommunale Ebene ist eine tragende Säule der Demokratie.“ Auf dieser Ebene sei auch die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie insgesamt am höchsten: 59 Prozent der Befragten sind zufrieden, 15 Prozent unzufrieden und 26 Prozent antworten mit „teils/teils“.
Von denjenigen, die bereits an einem Beteiligungsverfahren teilgenommen haben, bewertet knapp die Hälfte Bürgerbeteiligung als Schritt in die richtige Richtung. Nur 19 Prozent haben den Eindruck, es habe sich um eine reine „Show-Veranstaltung“ gehandelt.
Breites Spektrum politischer Beteiligungsmöglichkeiten
Neben der dialogischen Bürgerbeteiligung gibt es zahlreiche weitere Möglichkeiten, sich politisch zu engagieren. Am häufigsten genutzt wird die Teilnahme an Wahlen: 72 Prozent der Befragten geben an, in den vergangenen zehn Jahren mindestens einmal gewählt zu haben.
69 Prozent haben sich am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis zu politischen Themen geäußert. 66 Prozent haben eine Unterschriftensammlung unterschrieben. Jeweils 35 Prozent geben an, in den letzten zehn Jahren an einer genehmigten Demonstration teilgenommen oder sich an einer Online-Protestaktion beteiligt zu haben. 26 Prozent haben eine:n Politiker:in in ihrer Gemeinde oder Stadt kontaktiert, jeweils 15 Prozent eine:n Landtags- oder eine:n Bundestagsabgeordnete:n.
HINTERGRUND: Demokratie-Monitoring der Universität Hohenheim
Seit 2021 führt forsa im Auftrag von Prof. Dr. Frank Brettschneider jährlich eine repräsentative Umfrage zum Demokratie-Verständnis der Bevölkerung durch. Die Ergebnisse sind auf Bundes- und auf Landesebene (Baden-Württemberg) repräsentativ. Bei einem Teil der Fragen setzt die Studie jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt.
Weitere Informationen
Aktuelle Studie Teil 2: https://t1p.de/Demokratie-Monitor-Studie-26_2
Demokratie-Monitoring 2026 Teil 1: https://t1p.de/demokratie-monitoring_2026
Demokratie-Monitoring 2025: https://t1p.de/demokratie-monitoring_2025
Demokratie-Monitoring 2024: https://t1p.de/demokratie-monitoring_2024
Demokratie-Monitoring 2023: https://t1p.de/demokratie-monitoring_2023
Demokratie-Monitoring 2022: https://t1p.de/demokratie-monitoring_2022
Demokratie-Monitoring 2021: https://t1p.de/demokratie-monitoring_2021






