Wie vier Kommunen in Baden-Württemberg bis 2035 klimaneutral werden wollen
Ein Förderprojekt des Landes unterstützt sie dabei mit insgesamt bis zu 11,5 Millionen Euro
2040 ist das Zieljahr. Bis dahin müssen Städte, Gemeinden und Landkreise in Baden-Württemberg klimaneutral sein. Manche Kommunen im Südwesten möchten dieses Ziel sogar noch früher erreichen. Die Städte Freiburg im Breisgau und Ludwigsburg sowie der Landkreis Calw und die Gemeinde Denzlingen machen Tempo beim Klimaschutz und planen, bereits 2035 treibhausgasneutral zu sein. Sie werden dabei vom Umweltministerium Baden-Württemberg mit insgesamt bis zu 11,5 Millionen Euro unterstützt. Nun biegen die vier Kommunen im Förderprojekt „Auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2035“ auf die Zielgerade ein. Sie haben mehr als 60 verschiedene Aktivitäten geplant oder sogar schon durchgeführt. Aktuell werden unter anderem eine kommunal organisierte Bündelungsaktion von Wärmepumpen, Sanierungssprints, ein Konzept für private Wallboxen zum Mitnutzen, Muster-Sanierungssteckbriefe für Eigentümerinnen und Eigentümer von Wohngebäuden und die temporäre Umwandlung einer Straße in eine Fußgängerzone umgesetzt. Die KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) koordiniert das Förderprojekt in Kooperation mit dem Projektträger Karlsruhe (PTKA), der die fördertechnische Abwicklung verantwortet. Es läuft noch bis Februar 2027. Am 22. Juli 2026 trafen sich die beteiligten Kommunen mit dem Umwelt- und dem Verkehrsministerium sowie Verbänden zum Austausch in Ludwigsburg.
Das Umweltministerium Baden-Württemberg hatte im Jahr 2023 gemeinsam mit einer Fachjury Freiburg im Breisgau, Ludwigsburg, den Landkreis Calw sowie Denzlingen als Sieger eines Wettbewerbs ausgewählt. Ziel ist es, die vier Kommunen auf ihrem Weg zur Klimaneutralität bis 2035 zu begleiten. Zweieinhalb Jahre nach dem Start zeigt sich, dass die bereitgestellten Mittel zahlreiche Projekte ermöglicht haben. Die Kommunen nehmen den Schwung aus dem Landesförderprojekt auf ihrem weiteren Weg mit. Einige neue Projekte im Überblick:
Freiburg: Solarsommer, Klimaquartier und Energieeffizienz von Gebäuden
Im Mittelpunkt der Kommune mit 230.000 Köpfen steht in diesem Jahr der „Solarsommer 2026 in Freiburg“: Eine Solarmobil-Initiative, Fortbildungen für Lehrkräfte, Projekte für Lernende und Mitmachangebote für Erwachsene und Jugendliche sollen die Solarenergie noch breiter in der Stadt verankern. Ob Beratung zu Photovoltaik, Solarautos im Schulprojekt oder DIY-Workshops für Balkonkraftwerke: Die Aktionen informieren, aktivieren und machen die Vielfalt der Solarenergie erlebbar.
Wiederaufladbare Miniatur-Batteriezellen aus Baden-Württemberg
Forschungsprojekt Medicell entwickelt ultrakompakte Hochenergie-Zellen für tragbare Medizintechnik
Millionen tragbarer Medizingeräte wie Hörgeräte oder kontinuierliche Insulinpumpen werden heute von kleinen Einwegbatterien betrieben. Das führt nicht nur zu häufigem Batteriewechsel, sondern erzeugt auch viel Abfall. Hier setzt das neu gestartete Forschungsprojekt „Medicell“ an. Ziel ist die Entwicklung miniaturisierter Hochenergie-Lithium-Ionen-Zellen, die wiederaufladbar sind und zudem längere Laufzeiten bieten. Davon profitieren sowohl Anwender als auch die Umwelt. Das Themenspektrum des Vorhabens reicht von neuen Elektrodenmaterialien bis hin zu industrienahen Produktionsverfahren für die Zellfertigung. „Medicell“ startete im März 2026 und läuft über drei Jahre. Das Land Baden-Württemberg fördert das Projekt mit rund acht Millionen Euro. Beteiligt sind das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW), das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (Fraunhofer IPA). Als Industriepartner ergänzt die VARTA Microbattery in Ellwangen das Entwicklungsteam.
„Batterietechnologien sind eine zentrale Schlüsseltechnologie für die industrielle Zukunft unseres Landes. Mit dem Projekt ‚Medicell‘ stärken wir gezielt die Entwicklung hochinnovativer Batteriezellen ‚made in Baden-Württemberg‘ und verbinden exzellente Forschung mit industrieller Umsetzung. Miniaturisierte und wiederaufladbare Batteriezellen eröffnen neue Möglichkeiten für moderne Medizintechnik und stärken zugleich die technologische Souveränität unseres Wirtschaftsstandortes und damit auch Europas“, sagt Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus.
Windenergieausbau: Win-win-Situation für Kommunen und Flächeneigentümer
Kommunales Flächenpooling als wichtiges Steuerungswerkzeug – Publikationen der KEA-BW erschienen
In Baden-Württemberg geht es beim Ausbau der Windenergie voran. Damit in den Kommunen nicht nur einzelne Grundstückseigentümerinnen und -eigentümer von geplanten Windenergieanlagen profitieren, bietet sich das Modell des Flächenpoolings an. Das Pachtverteilungsmodell ist für Kommunen ein wichtiges Steuerungsinstrument beim Windenergieausbau und hilft dabei, den Dorffrieden zu wahren. Zudem beschleunigt es die Energiewende. Wie Städte und Gemeinden beim Flächenpooling am besten vorgehen, zeigen drei neue Publikationen der KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW). Sie stehen kostenfrei zum Download bereit: www.kea-bw.de/erneuerbare-bw/flaechenpooling.
Der Windenergieausbau im Südwesten geht voran, wenn auch auf noch niedrigem Niveau. Im vergangenen Jahr kamen 22 neu errichtete Anlagen hinzu, drei wurden stillgelegt. Im Land stehen nun 778 Windenergieanlagen mit einer installierten Leistung von insgesamt rund 1.800 Megawatt. Bis zum Jahr 2040 sind 3.000 Windräder mit einer installierten Gesamtleistung von 12.000 Megawatt erforderlich, um Baden-Württemberg mit der benötigten regenerativen Energie zu versorgen. Pro Jahr ist daher in den kommenden 16 Jahren eine zusätzliche installierte Leistung von über 600 Megawatt nötig. Das entspricht mehr als 100 hochmodernen Windrädern.
Zahl der Woche: 6.088 Kilowattstunden
Große Unterschiede zwischen Stadt und Land
Der Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung in Baden-Württemberg geht voran. Er fällt in den 35 Landkreisen und neun Stadtkreisen Baden-Württembergs jedoch höchst unterschiedlich aus, wie die KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) anlässlich der Weltklimakonferenz mitteilt. Platz eins belegt der Landkreis Schwäbisch Hall. Hier kommen auf eine Person im Durchschnitt 6.088 Kilowattstunden Ertrag. Der Main-Tauber-Kreis mit 5.950 Kilowattstunden und der Landkreis Sigmaringen mit 3.663 Kilowattstunden rangieren auf den Plätzen zwei und drei. Schlusslichter sind die Städte Freiburg im Breisgau mit 322 Kilowattstunden, gefolgt von Stuttgart (147 Kilowattstunden) und Karlsruhe (130 Kilowattstunden). Der Unterschied ist enorm: Im Landkreis Schwäbisch Hall wird 46 mal mehr Strom aus erneuerbaren Quellen pro Kopf erzeugt als in Karlsruhe. Die Zahlen stammen aus einer Erhebung der KEA-BW.
Mit 6.088 Kilowattstunden (kWh) Pro-Kopf-Ertrag im Jahr liegt der Landkreis Schwäbisch-Hall deutlich vorne. Dabei macht der Photovoltaikanteil 1.791 kWh aus, die Windenergie sorgt für 2.799 kWh Ertrag pro Kopf und Biomasse bringt im Landkreis 1.415 kWh. Die Gesamtsumme von 6.088 kWh entspricht etwa dem Jahresverbrauch eines Vier-Personen-Haushalts in einem Ein- oder Zweifamilienhaus mit hohem Verbrauch. Zum Vergleich: Die Stadt Karlsruhe hat mit 130 kWh ausschließlich aus Photovoltaik pro Kopf den geringsten Ertrag zu verzeichnen.