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Bedarfsplanung ambulanter Psychiatrie-Versorgung braucht eine grundständige Überarbeitung
Hirn ©Gerald Kaufmann
  • 30. Oktober 2021

Bedarfsplanung ambulanter Psychiatrie-Versorgung braucht eine grundständige Überarbeitung

Von Dennis Riehle, LVPEBW und freier Journalist / Carina Kebbel, LVPEBW

Im Bedarfsfall zeitnah einen Termin bei einem Facharzt zu erhalten, stellt viele Menschen vor eine große Herausforderung – auch und gerade im Bereich der Psychiatrie. Obwohl die „Termin-Servicestellen“ (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) 2016 eigentlich mit dem Anspruch gestartet waren, innerhalb von vier Wochen einen Termin zu vermitteln, gelingt dies immer noch viel zu selten. So konnten 2016 lediglich ¼ und 2019 immer noch nur 1/3 der anfragenden Menschen an die benötigte ärztliche Versorgung vermittelt werden. Trotz eines leicht positiven Trends innerhalb dieser Zeitspanne muss demnach festgehalten werden, dass die Mehrzahl der Patient*innen von der TSS nicht den benötigten Termin vermittelt bekommen konnte. Dies kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Einschätzung der KV vor der Einführung der TSS richtig war, dass die Problematik der langen Wartzeiten nicht an der Vermittlung, sondern vielmehr an der Verfügbarkeit von Arztterminen liege. Nachdem neben Internisten Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie am häufigsten nachgefragt werden, kann davon ausgegangen werden, dass die Unterdeckung des vorhandenen Bedarfs an Behandlungsplätzen in diesem Fachbereich besonders groß ist. Dieser Umstand wird noch verschärft, wenn psychiatrische Facharztpraxen bei Übernahme der Praxis in rein neurologische Praxen umgewandelt werden. In der Folge entstehen bei den verbliebenen Psychiater*innen immer längere Wartezeiten, was weder für die Fachärzt*innen noch für die Patient*innen auf Dauer ein tragbarer Zustand ist

Da psychische Erkrankungen bei nicht rechtzeitiger Behandlung eine große Gefahr aufweisen, sich chronifizieren zu können, hält der LVPEBW e. V. die langen Wartezeiten für einen fachärztlichen Termin für nicht länger hinnehmbar und fordert aus diesem Grund

 

  • Die Anerkennung und Berücksichtigung bei der Bedarfsplanung, dass es sich bei Fachärzt*innen für Neurologie und Fachärzt*innen für Psychiatrie um eigenständige und klar voneinander abzugrenzende Fachbereiche mit sehr unterschiedlichen Aufgabenkreisen (Behandlung von körperlichen Schädigungen wie z. B. Folgen eines Schlaganfalls vs. Behandlung von seelischen Schädigungen wie z. B. Folgen einer Traumatisierung) handelt.

  • Berücksichtigung von lokalen Gegebenheiten (städtische Gebiete vs. ländliche Gebiete) und damit zusammenhängender tatsächlicher Verfügbarkeit von Behandlungsoptionen. Eine reine Ausrichtung an der Einwohnerzahl verkennt die oft zu langen und nicht praktikablen Wegstrecken zur nächsten fachärztlichen Behandlungsoption in ländlichen Regionen.

  • Eine zunehmende sektorenübergreifende Versorgung unter Einbezug von Psychiatrischen Institutsambulanzen, Medizinischen Versorgungszentren,

  • Sozialpsychiatrischen Diensten und Gemeindepsychiatrischen Zentren im Sinne einer integrierten Versorgung.

  • Anpassung der Honorarleistungen für Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie, damit für angehende Ärzt*innen auch ein Anreiz geschaffen wird, sich diesem Fachbereich zuzuwenden und nicht aus monetären Gründen eine andere Fachrichtung zu wählen. Nach wie vor befindet sich die Vergütung des Bereichs Psychiatrie und Psychotherapie im unteren Drittel der fachärztlichen Vergütungen.

 

Die zum Teil unangemessen langen Wartezeiten für einen Facharzttermin deuten nach Auffassung des LVPEBW e. V. auf ein massives Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot hin. Entsprechend äußert sich Harald Metzger, 2. Vorsitzender des LVPEBW e. V., zur Dringlichkeit der Forderungen. Man werde nun versuchen, auf das Problem öffentlichkeitswirksam hinzuweisen und die verantwortlichen Stellen in der Politik und im Sozial- und Gesundheitswesen zu ermutigen, sich der Thematik rasch zu widmen. In Anbetracht der psychischen Not einer wachsenden Zahl von Menschen seien die derzeitigen Zustände nicht länger hinnehmbar.

 

Autor*innen: Dennis Riehle, LVPEBW und freier Journalist / Carina Kebbel, LVPEBW


Ressort: Lifestyle & Wohlbefinden

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