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Fallbeispiel Burn-Out mit Psoriasis
Prof. Dr. André-Michael Beer ©Stephan Ziehen
  • 27. Oktober 2026

Fallbeispiel Burn-Out mit Psoriasis

Von Pressestelle Gesunde Vielfalt

Wie Integrative Medizin hilft

Das Burnout-Syndrom und andere stressbedingte Erkrankungen werden laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung des 21. Jahrhunderts spielen. Dennoch ist „Burnout“ bisher keine eigenständige Erkrankung, sondern gilt derzeit als belastender „Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst“. [1] Da es sich um keine klar definierte Krankheit handelt, fehlen wissenschaftlich fundierte Angaben zur Häufigkeit. Ebensowenig liegen Daten zur Kombination mit Hauterkrankungen wie Schuppenflechte (Psoriasis) vor. „Die praktische Erfahrung zeigt jedoch, dass diese oft gemeinsam auftreten“, sagt Prof. Dr. André-Michael Beer, ehemaliger langjähriger Direktor der Klinik für Naturheilkunde an der Klinik Blankenstein in Hattingen: „Patienten ,zeigen’ ihre vollständige Erschöpfung über Hautveränderungen.“ Wie erfolgreich Integrative Medizin bei dieser Indikation helfen kann, schildert das Mitglied des Beirats der Initiative GESUNDE VIELFALT hier in einem Fallbeispiel. Ein Beitrag zum Weltpsoriasistag am kommenden Donnerstag.

Relevanz

Stress gehört zu unserem Leben, und wir sind in der Lage, bis zu einem gewissen Grad mit Stress umzugehen und dabei gesund zu bleiben. Erst eine zu hohe und andauernde Stressbelastung führt zu seelischer und körperlicher Erschöpfung und birgt hohe gesundheitliche Risiken. Je größer die Belastung und je stärker der empfundene Kontrollverlust angesichts dieser Situation, desto gesundheitsschädlicher sind die Auswirkungen. Ein Burnout-Syndrom entwickelt sich in Phasen: Zunächst meist unerkannt kann es in einen völligen körperlichen und/oder seelischen Zusammenbruch münden. An diesem Prozess sind sowohl die beruflichen Bedingungen als auch persönliche Merkmale beteiligt. So sind es zum einen Faktoren wie große Arbeitsdichte, Zeitdruck, hohe Verantwortung oder auch Schichtarbeit und zum anderen ein hohes Maß an Engagement, Leistungsbereitschaft, Perfektionismus und mangelnder Abgrenzungsfähigkeit, die zu einer chronischen beruflichen Überlastung führen können. Einem zunächst verstärkten Einsatz folgen Ernüchterung, Resignation, Erschöpfung und Desillusionierung.

Das Burnout-Syndrom ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte körperliche, psychische und seelische Erschöpfung mit deutlicher Leistungsminderung und der Unfähigkeit, sich in angemessener Zeit zu erholen. Im privaten Bereich äußert sich dies unter anderem in sozialem Rückzug, zunehmender Interesselosigkeit, je nach Ausprägungsgrad in Zynismus, zunehmender kognitiver und emotionaler Verflachung, in somatischen und psychischen Beschwerden sowie einem erhöhten Risiko für unkontrollierten Umgang mit Medikamenten, Alkohol, Essen, Spielen oder etwa Kaufen. Selbstabwertung und Verzweiflung treten häufig auf, zentral sind extreme Erschöpfung und das Gefühl von zunehmender Hilflosigkeit bei einem Verlust an Lebenssinn und -freude. Erschwert wird dieser Zustand, wenn Juckreiz und Hautentzündungen, die oftmals als „Makel“ empfunden werden, sowie häufige Arztbesuche oder Beziehungsprobleme hinzukommen, wie dies typisch für die Schuppenflechte (Psoriasis) oder auch die Neurodermitis ist.

Naturheilkundliches Verständnis des Burnout-Syndroms

Ist die körperliche und seelische Widerstandskraft in einer chronischen Stresssituation vollständig aufgebraucht, kann es zum Burnout-Syndrom kommen. Typischerweise verschlechtert sich dann oft auch das Hautbild. Aus naturheilkundlicher Sicht handelt es sich bei diesem Syndrom um eine Regulationsblockade des Organismus: Die natürliche Fähigkeit des Organismus zur Selbstregulation nimmt ab. Es gelingt nicht mehr, das Verhältnis von Anspannung und Entspannung zu regulieren. Belastungsgrenzen werden nicht mehr wahrgenommen und respektiert. Zugleich ist es Betroffenen nicht mehr möglich, eigene und soziale Ressourcen zu nutzen und für das eigene Wohl- und Glücksgefühl zu sorgen. Das „Nur-Noch-Funktionieren-Müssen“ gewinnt die Oberhand.

Naturheilverfahren sind Reiz-Reaktionstherapien, die durch gezielte Reizanwendungen therapeutische Effekte und somit die Selbstordnungskräfte des Organismus anregen. Ob und wie gut dies gelingt, hängt von der Regulationsfähigkeit des Patienten und dem Ausprägungsgrad des Burnout-Syndroms und der Hauterkrankung ab. Der Einsatz von Naturheilverfahren in Bezug auf die therapeutischen Möglichkeiten und insbesondere der Grenzen ist individuell und differenziert abzuwägen. Diese Krankheitskombination ist sowohl in Hinblick auf die Ursachen und den Verlauf als auch in der Behandlung hochkomplex. Ein individuell abgestimmter Therapieansatz erscheint unabdingbar, wie im folgenden Fallbeispiel beschrieben.

Diagnose

Seit Jahren leidet Melanie Schwitzer, 48, unter Schuppenflechte und einem Fibromyalgiesyndrom, einhergehend mit zunehmender depressiver Verstimmung. [2] Ihr Hausarzt überweist sie zur stationären Komplexbehandlung in die Klinik für Naturheilkunde an der Klinik Blankenstein in Hattingen, da die ambulanten Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind.

Komplementärmedizinische, naturheilkundliche Komplextherapie

Die naturheilkundliche Komplextherapie beruht auf den fünf Säulen Ernährungs- und Bewegungstherapie, Hydro-/Thermo-, Phyto- sowie Ordnungstherapie. Gerade bei Burnout in Verbindung mit Hauterkrankungen kommt letzterer eine besondere Bedeutung zu, da therapeutisch im Vordergrund steht, die eigene Lebensführung neu und orientiert an den eigenen Bedürfnissen auszurichten.

Ordnungstherapie: Im Verlauf regelmäßiger ordnungstherapeutischer Einzelgespräche wird bei Frau Schwitzer ein ausgeprägtes Burnout-Syndrom deutlich, dessen Therapie während des stationären Aufenthaltes Vorrang hat. Ihr in der Kindheit erlerntes Verhaltensmuster, die Erwartungen anderer zu erfüllen, verbunden mit einem schwach ausgeprägten Gespür für eigene Bedürfnisse und Belastungsgrenzen, haben die Patientin in einen ausgeprägten psychophysischen Erschöpfungszustand mit zunehmender depressiver Verstimmung geführt. Hinsichtlich der Schuppenflechte zeigt sich eine familiäre Vorbelastung väterlicher- und auch mütterlicherseits. Die Beschwerden haben deutlich zugenommen, seit die Patientin sechs Monate zuvor die Pflege beider schwerkranker Eltern übernommen hat. Seit dieser Zeit wohne sie wieder im Haus der Eltern und schlafe in einem Zimmer mit der an Demenz erkrankten Mutter. Frau Schwitzer fühle sich von der Situation „völlig überfordert“.

Bei der Patientin zeigt sich eine massive Abgrenzungsproblematik, die an der Haut sichtbar wird. Verbunden damit ist ein niedriges Selbstwertgefühl. Die Situation in der Herkunftsfamilie ist geprägt durch konflikthafte Beziehungen, die Frau Schwitzer zu harmonisieren versucht. Von ihren Geschwistern empfindet sich die Patientin besonders unter Druck gesetzt. Diese entzögen sich jeglicher Unterstützung der pflegebedürftigen Eltern, sodass sie sich als allein dafür verantwortlich fühle. Aus Überlastungsgründen habe sie ihre eigene Berufstätigkeit mittlerweile aufgegeben und den berufstätigen Geschwistern daher argumentativ nichts entgegenzusetzen. Aus deren Sicht sei sie die am wenigsten ausgelastete Schwester. An eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse sei daher nicht zu denken. Das Gefühl der starken Überforderung könnten ihre Geschwister nicht nachvollziehen.

Im Vordergrund steht daher, mit Frau Schwitzer ein angemessenes Krankheitsverständnis zu erarbeiten, ihren Umgang mit Stress zu beleuchten sowie vorhandene Ressourcen herauszuarbeiten. Dazu wird gemeinsam ein Gesundheitsfahrplan entwickelt, der bei einem naturheilkundlichen Behandlungsansatz des Burnout-Syndroms mit gleichzeitig bestehender Hauterkrankung drei Schwerpunkte hat:

  1. Entwicklung einer gesünderen Lebensführung insbesondere im Hinblick auf die äußerst belastende Pflegesituation und die damit verbundene räumliche Nähe zu den Eltern, die keine Privatsphäre zulässt.
  2. Schulung des relevanten Körperwissens. Frau Schwitzer wird daran herangeführt, die Signale des Körpers wieder zu hören und auch zu befolgen.
  3. Resilienztraining zur Erhöhung der inneren Widerstandskraft gegen Stressfaktoren.

Im Rahmen des Resilienztrainings lernt die Patientin, eigene Bedürfnisse und Leistungsgrenzen besser wahrzunehmen und einen angemessenen Umgang mit Anforderungen zu finden. Als „Resilienz“ wird die psychische Widerstandskraft bezeichnet, die sich im erfolgreichen Umgang mit Krisen und Lebensumbrüchen entwickeln lässt. Besondere Bedeutung kommt dabei den persönlichen und sozialen Ressourcen zu, die es zu erkennen und aktivieren gilt: etwa Kreativität, Lösungsorientiertheit, Optimismus, ein positives Selbstbild oder die Fähigkeit, um Unterstützung bitten zu können. Gemeinsam mit Frau Schwitzer werden so konkrete und umsetzbare Schritte zur Veränderung ihres Lebensstils entwickelt und – soweit vor Ort möglich – trainiert. Dazu gehört die Übung, sich abgrenzen zu können, „Nein“ zu sagen und eigene Interessen zu vertreten. Diese Therapiephase ist zentral in der Behandlung der Schuppenflechte, da die Haut als Kontaktorgan häufig in besonderer Weise bei Grenzverletzungen und übergriffigem Verhalten im zwischenmenschlichen Bereich betroffen ist.

Von besonderer Bedeutung ist bei dieser Patientin, ihre vorhandenen spirituellen Ressourcen zu reaktivieren: Es bedarf eines Perspektivwechsels und einer im Glauben verankerten Erlaubnis zur Selbstfürsorge, um das von den Geschwistern zementierte Ungleichgewicht im System zu verändern.

Im Vordergrund der Ordnungstherapie steht nicht, biografische Ursachen psychologisch aufzuarbeiten, sondern angemessene neue Lösungsstrategien zu entwickeln und wie die Patientin diese erfolgeich im Alltag umsetzen kann. Individuell mit Frau Schwitzer erarbeitete Lebensstilveränderungen werden festgehalten, um sie zu Hause fortzuführen. Dazu gehört eine räumliche Trennung und die Verantwortlichkeit für das Wohl der Eltern unter den Geschwistern aufzuteilen. Die Behandlung erfordert ein hohes Eigenengagement von Seiten der Patientin. Nur wenn sie bereit ist, die Verantwortung für ihre Erkrankung und die notwendigen Interventionen selbst zu tragen und über den Klinikaufenthalt hinaus umzusetzen, besteht eine echte Aussicht auf einen Behandlungserfolg. Ohne eine tiefgreifende Veränderung des eigenen Lebensstils und der inneren Haltung wird jede rein symptomatisch orientierte Behandlung sowohl des Burnout-Syndroms als auch der Hauterkrankung wirkungslos bleiben.

Phytotherapie: Pflanzlich erhält die Patientin begleitend ein Kombinationspräparat aus Johanniskraut, Baldrian und Passionsblume. Es wird von der Patientin als sanfte Alternative zu einer rein konventionellen Medikation wie einem Psychopharmakon akzeptiert und zeigt gute Erfolge in der Linderung ihrer ausgeprägten Unruhe. Zur Entgiftung der Leber wird ein Mariendistelextrakt verordnet, da aus naturheilkundlicher Sicht jede Hauterkrankung die Gabe eines „Lebermittels“ erfordert. Ergänzend erhält Frau Schwitzer zweimal täglich Mooreinreibungen des Körpers.

Ernährungstherapie: Die Patientin erhält eine reduzierte vollwertige Kost. Ein konkreter Essensplan und entsprechende Tagesstrukturen für zu Hause werden erarbeitet und in den Gesundheitsfahrplan integriert. Mit Kartoffelfrischpflanzenpresssaft wird die Übersäuerung des Magens behandelt.

Hydrotherapie: Bei einem Burnout-Syndrom kommt es häufig zum Verlust des relevanten Körperwissens. Die Signale des Körpers werden nicht mehr wahrgenommen oder aber nicht befolgt. Nachtkerzen- und Lavendelfußbäder, stimmungsaufhellende Bauchwickel und Heuwickel setzen als hydrotherapeutische Interventionen gezielt Reize, um die innere Achtsamkeit und ein positives Körpererleben der Patientin zu verbessern.

Akupunktur und Schröpfkopfmassagen im täglichen Wechsel runden das integrativmedizinische Therapiekonzept ab.

Ergebnis der naturheilkundlichen Komplextherapie

Am Ende des stationären Aufenthaltes zeigt sich bereits eine deutlich sichtbare Besserung der Haut und der Psyche. Alle mit der Patientin erarbeiteten Ziele und Lebensstiländerungen werden im Abschlussgespräch erneut thematisiert, damit der Heilungsprozess im Alltag weiter fortschreiten und sich stabilisieren kann.

Fazit

Naturheilverfahren haben bei so komplexen Krankheitsbildern wie dem Burnout-Syndrom in Verbindung mit einer Hauterkrankung vor allem in der stationären naturheilkundlichen Komplexbehandlung ihren Stellenwert, da die ambulanten Möglichkeiten vor diesem Hintergrund oft begrenzt sind.

[1] ICD 11, Kapitel 24, QD85 Kodiersysteme/Klassifikationen

[2] Name redaktionell geändert

Vita Prof. Dr. André-Michael Beer

Prof. Dr. med. André-Michael Beer ist im Sommer 2024 nach 27 Jahren als erster Direktor der Klinik für Naturheilkunde an der Klinik Blankenstein in Hattingen in den Ruhestand gegangen. Er ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Zusatzbezeichnungen erlangte er für Naturheilverfahren, Physikalische Medizin, Rehabilitationswesen, Balneologie und medizinische Klimatologie sowie Zusatzqualifikationen in Akupunktur, Notfallmedizin und psychosomatische Medizin. 2004 habilitierte er sich als erster Mediziner nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland an einer staatlichen Universität (Ruhr-Universität Bochum) auf dem Gebiet der Naturheilkunde und lehrte dort Naturheilverfahren und Physikalische Medizin. Den Vorsitz im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung im Deutschen Heilbäderverband führt er bis heute.

Über „Gesunde Vielfalt“

Die Initiative „Gesunde Vielfalt“ ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Experten und Expertinnen unterschiedlicher Therapieformen. Unser Ziel ist, das Zusammenwirken von konventionellen und komplementären Therapien – sprich: die Integrative Medizin – stärker in den Vordergrund der Diskussion zu rücken, um notwendige Verbesserungen des Gesundheitssystems anzustoßen. Wir stehen dabei für den gegenseitigen Respekt der Therapieformen und Heilberufe. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Wir setzen uns für einen Paradigmenwechsel ein: Der Patient, die Patientin muss zum gleichberechtigten Akteur neben dem Arzt, der Ärztin werden, um das Gesundheitswesen nachhaltig zu reformieren. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Information und Aufklärung der Öffentlichkeit, der Nähe zur Praxis und Vernetzung von Ärztinnen, Ärzten, Apothekerinnen und Apothekern und Heilberufen im Sinne der Patientinnen, der Patienten. Wir verstehen uns als Plattform und Impulsgeber für einen ideologiefreien, offenen Diskurs um die Verbesserung des Gesundheitswesens in Deutschland.

 

Ressort: Lifestyle & Wohlbefinden

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