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Jörg Lausters "Der ewige Protest"

Ewiger Protest

Lutherbonbons, Luthersocken und Luther als Playmobilfigur – zum großen Reformationsjubiläum kann man dem großen Erneuerer kaum entkommen. Im Getöse der zahllosen Veranstaltungen droht der Kern protestantischer Haltung unterzugehen, eine klare Botschaft fehlt. In „Der ewige Protest. Reformation als Prinzip“ liest Jörg Lauster der evangelischen Kirche die Leviten – und das auf höchst pointierte Weise.

Lauster, Professor für Systematische Theologie an der LMU München, versteht es, scharf zu schießen: „Nicht einmal in Kuba, China oder Nordkorea käme man im 21. Jahrhundert auf die Idee, die eigene Gründungslegende zehn Jahre zu feiern“, kommentiert er die „Reformationsdekade“, welche die EKD ausrief. Ähnlich wie bei einer marginalisierten Religionsgruppe gehe es dabei vor allem um Aufmerksamkeit durch eine möglichst fulminante Erinnerung an die historische Reformation.

Dabei wäre es 500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg höchste Zeit, ernsthaft über die Gegenwart und Zukunft der Kirche nachzudenken. Ganz im Sinne eines „ewigen Protestes“ vermisst Lauster in diesem Jubiläumsrauschen eine wichtige Stimme: die des liberalen Kulturprotestantismus, der für eine Fortführung des Reformatorischen steht – mit kritischem Blick zurück und optimistischem nach vorn.

Lauster will ganz sicher nicht die Bedeutung Martin Luthers kleinreden und beschreibt seine herausragende Rolle für die Epochenzäsur: das Einreißen von Dogmen, die Betonung der Freiheit des Menschen oder die Aufwertung des Individuums. Mit dem ehemaligen Mönch trat der Glaube aus den engen Kirchenmauern heraus und entwickelte den Anspruch, in der Welt zu wirken.

Gleichzeitig stellt Lauster fest, dass im deutschsprachigen Protestantismus Luthers Rolle chronisch überschätzt wird und rekapituliert das, was er „Die Reformation frisst ihre Kinder“ nennt: das Ende der Einheit des Christentums oder die Entfesselung religiösen Eifers, der bei den Wiedertäufern begann und bis zum evangelikalen Fundamentalismus unserer Tage reicht. Sein bitteres Fazit: „Aus der großen Aufbruchsbewegung wurde kleinkariertes theologisches Gezänk …“

Und heute? Die Kirche fixiert sich auf ihre Mitgliedszahlen und versucht das Kirchensteuersystem zu konsolidieren. Die Krise der Institution Kirche wird zur Krise des Christentums umgedeutet. Hinzu kommen eine erstaunliche Selbstüberschätzung und eine Selbstbanalisierung, die sich nicht nur im Luther-Merchandising niederschlägt.
Was also tun? Zum Beispiel würde Lauster den Namen Luther aus dem der evangelischen Kirche streichen – schließlich hätte diese Art der Menschenverehrung Luther selbst am wenigsten behagt. Reformation dürfe kein einmaliges Ereignis sein, sondern sei Prozess und Prinzip. Eines, das von der lutherischen Kirche zu selten auf sich selbst angewendet werde. Unmissverständlich sagt Lauster: „Wer den ewigen Protest zum Schweigen bringen will und den eigenen Glauben absolut setzt, der verrät Luther.“

Der Band kommt nicht mit aufgeregtem Furor daher, sondern als eine analytisch wie sprachlich präzise Kritik. Er ist im Lutherjahr eine unverzichtbare Lektüre, um Kirche und Christsein weiterzudenken. Schließlich geht es um nicht weniger als das Bewahren des reformatorischen Erbes.

Quelle: Literaturtest

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