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Mission an der Radolfzeller Straße

(stock)

Man muss aus der richtigen Fahrtrichtung kommen, um es entdecken zu können, in Wollmatingen beispielsweise, an der Einfahrt der Radolfzeller Straße von der Waldsiedlung in den Ort führend. Da wird missioniert. Und mittlerweile schon in mehreren Sprachen. Jesus ist die Erlösung, Jesus ist die Rettung, Jesus ist der einzig wahre Sohn Gottes. So, oder so ähnlich sollen die Zeilen wohl wirken, entnommen aus den Evangelien, die auf Deutsch, aber auch in Arabisch abgedruckt sind. Ob Matthäus und Markus damals wussten, was mit ihren Aufschrieben passieren wird? Dass damit Muslime angelockt werden sollen, um zum Christentum überzutreten? Gerade in einer Zeit, in der Menschen islamischen Glaubens ohnehin viele Nöte haben und damit anfällig sind für den Aufruf zu einer „Umkehr“? Ist das hinterlistig, was dort gespielt wird? Wenn man vorgaukelt, man sei an jemandem und seinem Glauben wahrhaft interessiert, insgemein aber nur dessen Zwangslage ausnutzend, der vielleicht Hoffnung darin setzt, eher in Deutschland als Asylsuchender anerkannt zu werden, wen auf seinen Unterlagen „Christ“ steht?

Moritz von Egidy hat es passend formulier: „Bekennen kann sich der Mensch zu allem Möglichen und ist es darum noch lange nicht, weder in der That noch im und Wesen, noch im Denken. Sein kann der Mensch nur, was er ist“. Und was der Mensch wird, das entscheidet sich nicht beim Blick aus dem Auto an das Großflächenplakat in Wollmatingen. Das Impressum ist beim Vorbeifahren schwer lesbar, aber die Machart, sie spricht für den „Christlichen Plakatdienst“, ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Heilige Schrift zu verbreiten, vor allem in Versen in großen Lettern, die jeden erreichen sollen, dieser Tage aber vor allem Muslime, die aus Sicht von manch einem Christen eben noch an den falschen Gott glauben. Judenmission betreibt man in evangelikalen Kreisen seit jeher bereits mit Nachdruck, weil man den Vätern des Christentums verdeutlichen will, dass da noch etwas kam, nach dem Alten Testament. Die eigentliche Botschaft liegt nach Ansicht dieser Gruppe der Christen im Neutestamentarischen, dort, wo Jesus Christus dann wirklich ins Spiel kommt und zum Erretter, zum Erlöser wird. Und diese frohe Kunde, sie soll nun auch die Moslems erreichen, denen so eine Geschichte von Kreuzigung bis zur Himmelfahrt eines Gottessohnes, für welchen Christen gerade nicht selten zum Heiden gehalten werden, angeblich noch immer fehlt.

Ja, ohne ihn gäbe es das Christentum nicht. Doch gäbe es ohne ihn den „christlichen“ Gott auch nicht? Jesus ist lediglich ein Teil der Trinität, die zweifelsfrei nicht vollständig wäre, wäre Jesus nicht gepeinigt worden und wieder auferstanden. Dieses Wunder, das viele Christen als die tatsächliche Erweckung sehen, auch die ihrer selbst, ragt weit über die anderer Religionen hinweg, so bezeugte es mir erst kürzlich ein Protestant, dem es vor allem darum ging, die Entsendungsworte, also die eigentliche Grundlage für christliche Mission heute, unter die Menschheit zu bringen, womit man in christlichen Kirchen bereits regelmäßig bei der Aufnahme der Kleinsten in die Gemeinschaft beginnt: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret, sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matthäus 28,18ff.). Ein Aufruf, der radikal ist. Denn er fordert auf, alle Welt zum Umdenken, zur Bekehrung zum christlichen Glauben zu animieren.

Aber stimmt das auch? Ja, wenn man die Übersetzung ansieht, so passt das in den Kontext der damaligen Zeit, als die Welt kleiner war, als sie in den Köpfen der Menschen nicht derart universell und präsent war wie heute. Niemand dachte wohl nach dem ersten Hype anlässlich dieser neuen Konfession, die noch keine eigentliche Religion im Verständnis der Wissenschaften war, daran, vielleicht sogar gewaltsam jene umzustimmen, die den Erlöser Jesus nicht gesehen, nicht angenommen, nicht in ihr Leben hinein gelassen haben, an den Wahrheitsgehalt dieser Aufforderung. Es ging vor allem um die Erreichbaren, die noch nichts gehört hatten von diesem wundersamen Menschen, der Gott als Sohn auf die Erde nachgefolgt sein soll, und sich noch kein Bild machen konnten, ob ein Glaube mit oder ohne Christus denn nun besser wäre. Sie sollten beeindruckt werden, aber nicht mit der immer alten Leier, sondern, wie schon Goethe es sagte: „Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lässt’s ja auch nicht daran fehlen“. So wäre es ideal, die Mission. Sich gegenseitig zu ermutigen, seine Religion wiederkehrend zu prüfen und neugierig das Andere kennenzulernen, ohne sich vorschnell überreden zu lassen statt sich erst ein eigenes Bild gemacht zu haben.

Mission sollte bis heute Überzeugungsarbeit sein, die fair abläuft. Sie sollte nicht die Hilflosigkeit derer ausnutzen, die nicht lesen oder schreiben, die eine Sprache nicht verstehen können oder gar psychisch anfällig dafür sind, von Wundererzählungen und falschen Hoffnungen getragen einen Glauben anzunehmen, den sie in seinem vollen Umfange überhaupt nicht begreifen können und schon gar nicht in einem „Crash-Kurs“ für sich in die Herzen lassen können. Denn Mission beginnt nicht auf dem Plakat an der Radolfzeller Straße, sondern im gerechten Austausch über die Erfahrungen mit der eigenen Religion, im Kopf und im Innersten. Da braucht es Begegnungen, Erzählungen und Erfahrungen. Wir können uns berichten, aber nicht um unseres eigenen Willens, sondern stets im besten Geheiß für unser Gegenüber. Ob das tatsächlich auch vorne ansteht, wenn man mit verkürzten Versen des Neuen Testaments auf Arabisch versucht, die Seelen derer zu ködern, die vielleicht heute enthusiastisch Jesus huldigen, weil sie eigentlich von der Aufnahmebereitschaft Angela Merkels überzeugt sind, statt das Christsein zu unterstützten, und morgen merken, dass dieser Glaube gar nicht dem entspricht, wovon sie eigentlich zehren können – das bleibt ungewiss.

Verantwortungslos nenne ich solch ein Vorgehen meiner Mitchristen, die aus ihrer eigenen Euphorie, die nicht selten in eine Ekstase mündet, aus dem sonntäglichen Gottesdienst in die Welt gehen, um verblendet „Gutes zu tun“. Etwas, was nichts mehr mit einem rationalen, mit einem hinterfragenden Glauben zu tun hat, wie ich ihn als selbstkritischer Christ verstehe, zu missionieren versuchen, nur, um das eigene Heil zu finden, sich profilieren zu können und Gott im Abendgebet darüber vermelden zu mögen, wie viele neue Anhänger man denn heute geworben hat – denn mehr als ein Werbeplakat ist auch das nicht, was an der Einfahrt zur Dettinger Straße hängt. Auf dem Weg der guten Leistungen, die dann ins Paradies führen mögen, beweihräuchern wir uns, wie wir uns um den Fortbestand des Christseins verdient gemacht haben, das so zwar quantitativ, aber nicht qualitativ wächst. Solche Vorstellungen sind mittelalterlich, aber gerade in evangelischen Kreisen noch heute als Lehre anerkannt, in denen es nicht nur konservativ zugeht, sondern in denen sich das Menschsein vor allem an den Erfolgen messen lässt, die man auf seinem persönlichen Punktekonto als „Vorzeigechrist“ verbuchen kann. Mission ist dabei besonders beliebt, weil man nicht selten Nichtsahnenden „Storys vom Pferd“ erzählen kann, die nämlich deshalb keinen Glaubensinhalt haben, da man sie nicht nur als die eigene, sondern als die Überzeugung des Gegenübers in dessen Mund legt. Für mich sind Praktiken wie solch recht perfide, Mission nur im besten Sinne als gemeinsames Ringen um eine religiöse Weltanschauung legitim.

Und ehe mich nun wieder böse Briefe erreichen: Nein, nicht alle (!) Missionare sind so eingestellt, nicht jede (!) Mission verwerflich. Und doch muss es im Sinne derer liegen, die eine ernstliche Arbeit betreiben wollen, sich zu unterscheiden und zu distanzieren von plumpen Maßnahmen, über die auf einfachem Wege Menschen zum christlichen Glauben geführt werden sollen, die im Moment Anderes nötig hätten: Bedingungslose Zuwendung, abseits von jeder Religion…

Tags: Humanismus

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