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Gedenktag 21.7.: Täglich fünf Tote durch falsche Drogenpolitik
Gedenktag Drogentote
  • 20. Juli 2023

Gedenktag 21.7.: Täglich fünf Tote durch falsche Drogenpolitik

Von Holger Wicht | Deutsche Aidshilfe

Deutsche Aidshilfe: Gedenken heißt handeln! Die Länder sind am Zug

zuständige Ministerien müssen jetzt endlich Leben und Gesundheit von Drogenkonsument*innen schützen. Gedenkaktionen in 100 Städten.

Immer mehr Drogen, immer stärkere Wirkung, immer mehr Tote: Die Drogenpolitik wird ihrer Aufgabe, das Leben und die Gesundheit von Menschen zu schützen nicht mehr gerecht. Am morgigen InternationalenGedenktag für verstorbene Drogengebraucher*innen finden in 100 Städten Gedenk- und Protestveranstaltungen statt.

1.990 Menschen starben im Jahr 2022 im Zusammenhang mit Drogenkonsum – mehr als fünf am Tag. Die Zahl der Toten stieg gegenüber 2021 um neun Prozent und hat sich seit 2012 mehr als verdoppelt.

Dazu sagt Sylvia Urban vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe (DAH):

„Die Verstorbenen sind nicht einfach anonyme ,Drogentote‘, sondern Menschen, die uns und anderen Menschen nahestanden – in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Wir gedenken der Verstorbenen in Trauer, aber auch mit Wut, denn ihr Tod wäre durch eine fachgerechte Drogenpolitik vermeidbar gewesen. Gedenken bedeutet auch, alles dafür zu tun, dass sich solche Tragödien nicht täglich wiederholen!“

Die Deutsche Aidshilfe unterstützt die Forderungen des Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Burkhard Blienert, nach einem Paradigmenwechsel in der Drogenpolitik sowie mehr leicht erreichbaren Hilfsangeboten vor Ort. Blienert hat deutlich gemacht: Die zuständigen Ministerien und Senatsverwaltungen der Länder müssen das Thema auf „Chefebene“ angehen. Kürzungen bei Hilfs- und Beratungsangeboten müssen tabu sein.

Im Gegenteil: „Die dramatische Lage verlangt einen Ausbau von Angeboten, aber auch von Forschung und Pilotprojekten in Bund, Ländern und Kommunen. Wenn die Politik weiter zögert, sich den Problemen im Drogenbereich in angemessener Weise zu stellen, wird die Zahl der Toten weiter steigen. Wir müssen jetzt den Turbo einschalten und alle Maßnahmen vollumfänglich einsetzen, die das Leben und die Gesundheit von Drogen konsumierenden Menschen nachweislich schützen“, sagt Dirk Schäffer, DAH-Referent für Drogen und Strafvoll

Der Bund hat in verschiedenen Bereichen Grundlagen geschaffen – jetzt sind die Länder am Zug. Folgende Maßnahmen sind unverzichtbar:

Drugchecking bundesweit

Trotz jahrzehntelanger Verbotspolitik: Es sind heute mehr illegale Substanzen denn je auf dem Markt, zu geringen Preisen und in gefährlichen Zusammensetzungen. Schwankender Wirkstoffgehalt, etwa bei Ecstasy, und Beimischungen, etwa Fentanyl beim Heroin, erhöhen das Risiko für Überdosierungen. Dringend erforderlich sind Drugchecking-Angebote in Drogenkonsumräumen, in Clubs und bei Festivals – dort, wo die Substanzen auch konsumiert werden. Beim Drugchecking werden Drogen auf ihre Inhaltsstoffe untersucht. Das Angebot verhindert Todes- und Notfälle und ermöglicht Beratungsangebote. Der Bundestag hat den Weg rechtlich freigemacht. Jetzt müssen die Länder umgehend entsprechende Rechtsverordnungen und Angebote schaffen.

Drogenkonsumräume in allen Bundesländern

Drogenkonsumräume retten Leben und verhindern Infektionen mit HIV und Hepatitis C. Die Substanzen können dort injiziert oder geraucht werden. Im Notfall steht medizinische Hilfe bereit, außerdem werden sterile Konsumutensilien zur Verfügung gestellt, Beratung und Aufklärung angeboten. Drogenkonsum im öffentlichen Raum wird durch Drogenkonsumräume reduziert. Der Bund hat bereits im Jahr 2000 über eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes solche Orte ermöglicht. Doch acht Bundesländer weigern sich bisher, entsprechende Verordnungen zu erlassen, darunter Bayern, wo die Zahl der Drogentodesfälle besonders hoch ist. Auch Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen verweigern Drogenabhängigen Menschen die Möglichkeit, in einem sicheren Umfeld zu konsumieren – ein Verstoß gegen das Menschenrecht auf den bestmöglichen erreichbaren Gesundheitszustand.

Naloxon für alle potenziellen Ersthelfer*innen

Das Notfallmedikament Naloxon rettet bei einer Überdosis Opioide Leben. Es kann leicht von Ersthelfer*innen per Nasenspray verabreicht werden. Naloxon muss darum zur Standardausrüstung für Rettungs-Sanitäter*innen und Polizist*innen gehören, aber auch Heroinkonsument*innen und Menschen in ihrem Umfeld sollten es erhalten und in der Anwendung geschult werden. Bisher wurden 600 Professionelle in Aids- und Drogenhilfen ausgebildet. Die Bundesländer stehen in der Pflicht, diesen guten Anfang auszuweiten. Das braucht gemeinsame Anstrengungen von Politik, Drogen- und Selbsthilfe sowie die entsprechenden Ressourcen.

HIV- und HCV-Prävention ausbauen

Zusätzlich zu diesen unmittelbar lebensrettenden Maßnahmen muss die Prävention für intravenös Drogen konsumierende Menschen dringend verstärkt werden. Seit dem Jahr 2010 steigt die Zahl der HIV-Neuinfektionen in dieser Gruppe – obwohl viele bereits auf risikoärmere Konsumformen wie das Rauchen von Heroin umgestiegen sind. Zugleich reicht das Geld in der Drogenhilfe oft nicht mehr für das Nötigste wie die Verteilung steriler Spritzen. Hier sind auch die Kommunen gefragt.

„Wir brauchen mehr leicht erreichbare Hilfs-, Präventions- und Testangebote in der Fläche – und das schnell. Das ist eine Frage des politischen Willens und der Finanzierung“, sagt DAH-Drogenreferent Dirk Schäffer. „Wir möchten in den nächsten Jahren nicht wieder Menschen gedenken müssen, die noch leben könnten.“

Aktivitäten zum Gedenktag am 21.7.

In rund 100 Städten finden morgen Gedenkveranstaltungen statt. Organisiert und gestaltet werden sie von Menschen aus etwa 400 Einrichtungen der Aids- und Drogenhilfe, Selbsthilfeinitiativen und Angehörigenverbänden, darunter die Deutsche Aidshilfe.

DAH-Vorstand Sylvia Urban:

„Wir rufen dazu auf, öffentlich auf den unnötigen Tod so vieler Menschen hinzuweisen und der Verstorbenen zu gedenken. Kein Mensch verdient es, allein gelassen und vergessen werden.“




Ressort: Glaube und Gesellschaft

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